A Cry for Help – Die Mitleidsmasche (2005)

Im bekannten BETA-Hoax ging es für das Opfer noch um ganz profanes Geld – Die zweite Art von klassischen Hoaxes wählt einen subtileren Ansatz, um Sie dahin zu bekommen, wo sie sie haben will, nämlich mit dem Finger auf der “Weiterleiten”-Taste: Nach immer gleichem Muster berichtet ihnen hier eine E-Mail von Menschen mit einem – vermeintlich – ergeifenden Schicksal, die Sie natürlich retten können. Allerdings nur, in dem sie diese E-Mail sofort und an alle Weiterleiten.

Sie finden das zynisch? In der Tat, das ist sogar ziemlich geschmacklos, was aber viele Menschen nicht daran hindert, Dinge wie die Folgenden weiterzuleiten.

Die Steinigungs-Petition
Sie werden davon gehört haben: In einigen afrikanischen Staaten werden gerade Frauen für vermeintliche “Vergehen” drakonische Strafen angedroht. Eine der abstoßensten ist der Tod durch “Steinigung”, der für Dinge wie Ehebruch (unter den durchaus auch eine Vergewaltigung fallen kann) vorgesehen ist. Mitte 2004 machte in diesem zusammenhang wieder einmal folgende Nachricht die Runde:

Bitte verteilt diese Nachricht:
Das Obergericht von Nigeria hat das Todesurteil gegen Amina Lawal durch Steinigung ratifiziert. Sie haben nur die Hinrichtung um 2 Monate verschoben, um ihr die Zeit zu lassen, sich von ihrem Baby zu trennen! Nach diesem Aufschub wird sie bis zum Hals in die Erde begraben und dann gesteinigt, wenn nicht eine Lawine von Unterschriften kommt, um die nigerianische Behoerde zu überzeugen.

Hier könnte man schon einmal fragen, ob es sehr wahrscheinlich ist, dass ein totalitärer Staat sich von noch-so-vielen “Unterschriften” per E-Mail auf irgendeine Weise beeindrucken lässt.

Aber fahren wir fort:

Amnesty International bittet Euch die Petition auf ihrer Webseite zu unterschreiben. Mit einer ähnlichen Unterschriftskampagne wurde eine andere Frau gerettet, "Safiya", die sich in einer ähnlichen Situation befand.

Hier sehen wir ein Muster, dass in allen Kettenbrief-Hoaxes auftaucht. Irgendeine Autorität – AOL, Microsoft, Walt Disney, Amnesty international – steht angeblich hinter der Sache. Das Ziel ist klar: “Wenn AI mich bittet, die Mail weiterzuleiten, dann tu ichs natürlich”. Nur: Bloß weil in einer Email die Worte “Amnesty international” fehlerfrei auftauchen, heisst das noch nicht, dass die Mail von von dort kommt, oder dass auch nur irgendein Zusammenhang zwischen dem Inhalt der E-Mail und der darin genannten Autorität besteht.

Eigentlich ist das selbstverständlich, aber manche Leute weigern sich, diesen Gedanken einmal zu fassen, bevor sie das tun, was von Ihnen verlangt wird. Genau so, wie sie nicht auf Folgendes kommen: Woher weiß ich eigentlich, dass “Amina” nicht schon lange freigesprochen – oder tot – ist?

Weiter geht’s:

Sie können unterschreiben auf der Seite:

http://[xxx]amnesty.org/[xxx]

Für die, die kein spanisch können:

jetzt wird es vollends absurd: Die Unterschrift soll auf einer Site von Amnesty International geleistet werden. Diese ist aber nun in spanischer Sprache abgefasst, weswegen diejenigen, die “kein Spanisch können”, sich auf die Übersetzung in der Mail verlassen müssen (deren vertrauenswürdiger Urheber natürlich im Dunkeln liegt, aber wer wird sich daran schon stören).

Mit anderen Worten: Diejenigen, die nun nach treudoofer Gutmenschen-Art einfach mal das Formular ausfüllen, ohne Spanisch zu können, wissen im wahrsten Sinne des Wortes nicht, was sie dort tun. Wenn sie wenigstens Deutsch, Englisch oder Französisch könnten, wären Sie schon etwas schlauer und wüssten zumindest, wozu das Formular nicht da ist. Denn dick und breit liest sich unter der angegebenen URL:

Amina Lawal is acquitted and free.
Amina Lawal est libre et la condamnation a été anulée.
Amina Lawal ist frei, ihr Urteil wurde aufgehoben.

Das Weiterleiten Der E-Mail ist also komplett sinnlos. Über das Formular können Sie übrigens an einer so genannten Urgent action teilnehmen, die sich mit der Todesstrafe im Allgemeinen, nicht jedoch mit “Amina” befasst.

Amnesty international tritt niemals E-Mail Aktionen wie diese los. Wer mir das nicht glauben mag, darf gern noch einmal selbst nachschauen, beispielsweise hier oder hier. Rudimentäre Deutsch-Kenntnisse reichen vollkommen aus.

Alles Quatsch: Keine Spenden für Kettenbriefe von der American Cancer Society

Andere Mitleids-Kettenbriefe

Andere Kettenbriefe, die sie über Ihr Mitgefühl ködern möchten, behaupten beispielsweise, dass ein krebskrankes Kind für jede weitergeleitete E-Mail einen bestimmten Geldbetrag für eine Opreration erhält. Denken Sie nach. Los, tun Sie’s, Nur dieses eine mal: Glauben sie wirklich, dass irgendeine seriöse Organisation eine derartige Todes-Lotterie betreiben würde? Hm?

Wie hat man sich denn das Ende dieser Aktion vorzustellen, wenn dabei nicht genug Mails zusammenkommen? Vielleicht etwa so: “Sorry Kind, nur 250.000 Emails, das reicht nicht für die lebensrettende Operation – das war wirklich Pech!”

Keiner dieser Schmarrn-Emails hat irgendeinen realen Hintergrund, jedenfalls nicht, was das Anliegen der E-Mail und die vermeintlichen Initiatoren angeht, und sie helfen wirklich niemandem, wenn Sie diesen Blödsinn weiterverbreiten. Wenn Sie wirklich etwas gutes Tun möchten, dann spenden Sie für einen guten Zweck oder treten Sie mit dem lokalen Amnesty-chapter in Ihrer Gegend in Kontakt – dort wird man ihnen sagen können, wie sie sich wirklich zum Beispiel gegen die Steinigung nützlich machen können.

Für den Fall, dass sie einen Tränendrüsen-Kettenbrief erhalten – und das ist nur eine Frage der Zeit – Bleibt also nur der Rat:
Ärgern sie sich darüber und werfen Sie ihn weg – aber beteiligen Sie sich um Gottes Willen nicht an diesem zynischen Unsinn. Der kostet Sie Zeit und andere Zeit, Geld und Nerven.

Wenn Sie eine Mail bekommen, in der Sie aufgefordert werden, diese weiterzuleiten, ist das ein immer sicheres Zeichen, dass der Inhalt nichts anderes als ein Versuch ist, sie hereinzulegen, egal was sonst noch darin steht. Weitersagen. Danke.