Lübeck: Vergebliches Warten auf den Klapperstorch

Vor allem in verschiedenen Internetforen macht seit Mitte Mai eine Meldung über ein Lübecker Ehepaar die Runde, welches an besonderen Beziehungsproblemen leidet:
Ein Kinderwunsch bleibt seit Jahren unerfüllt, man weiss nicht recht woran es liegt – Bis man eines Tages die Universitätsklinik zu Lübeck aufsucht, wo der zuständige Arzt erstaunliche Aufklärungsdefizite zu Tage fördert: “Sex? Was meinen Sie damit?” bekommt der erstaunte Mediziner auf die Frage nach den Gewohnheiten des Paars zu hören.

Es ist hinlänglich bekannt, dass das Leben die besten Geschichten schreibt – Diese aber wohl eher nicht.

Der deutschsprachige Originaltext der Meldung stammt von www.stern.de und liest sich so:

Ehepaar erfuhr, dass sie Sex machen müssen, um ein Kind zu bekommen
Ein deutsches Ehepaar fand nach acht Jahren heraus, wieso sie keine Kinder bekamen - sie hatten keinen Sex. In der Universitätsklinik Lübeck führte man Fruchtbarkeitstests durch, die aber positiv ausfielen. Als ein Arzt das Paar fragte, wie oft sie Sex haben, erhielt er als Antwort: 'Was meinen Sie?'.
Das Paar sei kerngesund, die Ursache für das fehlende Wissen liegt daran, dass sie in einer religiösen Umgebung aufgewachsen sind und nie aufgeklärt wurden. Das Paar befindet sich nun in einer Therapie.

(Quelle: http://shortnews.stern.de/shownews.cfm?id=518020)

Der Weg der Nachricht lässt sich bis zum 18. Mai 2004 (von dem auch die Stern.de-Meldung datiert) zurückverfolgen. An diesem Tag veröffentlichten das englische Boulevardblatt “The Mirror” und die Nachrichtenagentur “UIP” (United international Press) diese Meldung – Wer dabei von wem abschrieb, ist unklar. Nach der Veröffentlichung auch in anderen Tageszeitungen wechselte sie das Medium und machte sich auf den Weg durch das Internet: Sie landete bei dem – uns bis Dato vollkommen unbekannten – Nachrichtendienst “ananova.com”, wo sie eifrige stern.de-Redakteure entdeckten, übersetzten und nun auf deutsch verbreiten. Seit dem geistert die Meldung über das merkwürdige Paar durch das Internet.

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Zweifelhafte Quelle: Das englische Vorbild für die stern.de-Meldung (Screenshot: www.ananova.com)

Tatsache oder Hoax?

Diese Nachricht erweckt schon auf den ersten Blick den Eindruck, eine Falschmeldung zu sein und hat alle Chancen von einer schlichten Ente zur modernen Sage zu werden. Beim ersten Lesen fällt bereits auf, dass über die Begebenheit eher abstrakt berichtet wird: Wir erfahren weder, wie das Paar heißt, noch den Namen des Arztes oder wann sich die Geschichte zugetragen hat. Auch Zitate der Beteiligten fehlen vollkommen. Lediglich der Ort der Handlung wird genannt, der aber gerade im englischsprachigen Originaltext extrem beliebig ist: “Lubec” kennen die meisten Leser wohl nur vom Hörensagen, die Möglichkeit zur Überprüfung ist so, jedenfalls für den englischsprachigen Zeitungsleser/ Online-User, recht gering – Was die Kollegen von Snopes.com nicht davon abgehalten hat, genau dies zu tun.

Ergebnis: Zumindest das englischsprachige Personal der Universitätsklinik hat von dem Vorfall noch nie etwas gehört.

Darüber hinaus enthält der Text thematisch Elemente, die wir in vielen modernen Sagen finden, die sich um Sex und Fortpflanzungsfähigkeiten drehen: Er handelt von Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht wissen wie “es” geht, oder wie es “richtig” geht und sich gerade dabei extrem ungeschickt anstellen. Und der namenlose Arzt würde sich wohl auch die Frage gefallen lassen müssen, warum er die Anamnese (Hat das Paar Sex, wenn ja: Wie oft?) nicht gestellt hat bevor er teure und invasive Fruchtbarkeitsuntersuchungen welcher Art auch Immer anordnete.

“Religiöse Erziehung” ?

Religiöse Erziehung hin oder her – Es ist heutzutage extrem unwahrscheinlich geworden, dass Menschen jenseits eines gewisen Alters ihr Dasein in völliger Unkenntnis der biologischen “basic facts” fristen. Man kann sich der sexuellen Aufklärung so gut wie nicht entziehen: In jedem Medium, in der Werbung, im Alltag – sogar in Predigten – wird ständig direkt oder indirekt Bezug auf Sex genommen (Und sei es nur, um ihn zu verdammen). Die Behauptung, ein verheiratetes Paar wisse nicht, woher die Babies wirklich kämen, ist für sich bereits also, gelinde gesagt, einigermaßen unglaubwürdig.

Schließlich fällt auf, dass “seriöse” deutschsprachige Medien sich dieses Themas nicht angenommen zu haben scheinen. In der Lübecker Lokalpresse, zu deren Redaktionen hoaxbusters.de gute Kontakte pflegt, war die Meldung unbekannt.

Fazit: Wenn etwas aussieht wie eine Ente, quakt wie eine Ente und watschelt wie eine Ente – Dann ist es mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit: Eine Ente.

Hinweis: Bitte sehen Sie (ebenso wie wir) davon ab, selbst telefonische Recherchen bei der Uni-Klinik in Lübeck anzustellen. Die Sache ist auch so recht eindeutig, so dass ein Anruf kaum neue Erkenntnisse zu Tage fördern und die dortigen Mitarbeiter lediglich von Ihrer Arbeit abhalten würde.

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