Der reiche Onkel aus Nigeria

Jeder E-Mail-Nutzer hat sie früher oder später in seinem elektronischen Postfach: Ungebetene E-Mails – in schlechtem, oft durchgehend großgeschriebenem Englisch, inzwischen aber auch auf Deutsch – von angeblichen Schwiegersöhnen, Enkeln oder sonst irgendwie Verwandten des früheren Finzanministers, Nationalbankdirektors oder irgendeines anderen hochrangigen Vertreters von Nigeria, Zambia oder anderen exotischen Staaten.

Versprochen werden: Horrende Summen für den Gefallen, für ein paar Tage noch horrendere Summen (“ONE HUNDRET AND THIRTY-THREE MILLION US-DOLLARS!”) auf dem Konto des Adressaten parken zu dürfen. Selbstverständlich ist noch niemand auf diese Weise reich geworden – außer dem Onkel aus Nigeria, versteht sich.
Nigerian Scam – Die “nigerianische Masche” – nennt man üblicherweise die E-Mails, die sich etwa so lesen:


FROM: FRANK MUTOBO <Frankmutobo1@netscape.net>
SUBJECT:REQUEST FOR ASSISTANCE IN A FINANCIAL TRANSACTION
TO:<hoaxes@hoaxbusters.de>

Dear Sir,

I am interested in your partnership in business dealing. This business proposal I wish to intimate you with is of mutual benefit and it’s success is entirely based on mutual trust, cooperation and a high level of confidentiality as regard this transaction. I am representing the board of the contract award and monitoring committe of the Zambian Ministry of Mining and Resources. I am seeking your assistance to enable me transfer the sum of US$30,500,000.00 (Thirty Million, Five Hundred Thousand United St ates Dollars) into your private/company account.

 

Hier eine deutsche Übersetzung, mit denselben Holprigkeiten. Den Satz mit dem Betrugsversuch haben wir eingefügt, um in geneigten Kreisen nicht als Vorlage zu dienen – Deutsprachige Varianten verwenden meist Übersetzungsprogramme:

Sehr geehrter Herr,

Ich bin an Ihrer Geschäftspartnerschaft interessiert. Das Angebot, mit dem ich an Sie herantrete, ist für beide Seiten von Vorteil und sein Erfolg gründet sich auf gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Zusammenarbeit und einen hohen Grad an Vertraulichkeit, was diese Transaktion betrifft. Ich representiere den Vorstand der Vertrags- und Aufsichtsabteilung des Zambianischen Ministeriums für Bergbau und Ressourcen. Ich bitte Sie um Ihre Hilfe, um den Transfer der Summe von etwa USD 30.500.000,00 (DREISSIG MILLIONEN FÜNFHUNDERT TAUSEND DOLLAR) auf Ihr Bankkonto zu ermöglichen. Bitte beantworten Sie diese Nachricht nicht, es handelt sich um einen Betrugsversuch.


Es folgen ebenso langatmige wie holprige Ausführungen darüber, wie der Absender in den Besitz von So viel Geld gekommen sein will, und warum er unbedingt ein ausländisches Bankkonto zum Parken der Summe benötigt. Schließlich kommt er auf den Punkt:


Hence this message to you seeking your assistance so as to enable me present your private/company account details to enable me transfer the difference of US$30,500,000.00 (Thirty Million, Five Hundred Thousand United States Dollars) into your provided account. On actualisation, the fund will be disbursed as stated below. 1. 20% of the fund will be for you as beneficiary.[...]
For further details as to the work ability of this transaction, please reach me as soon as possible for further clarification. Please you can reach me with this email address below:
Frankmutobo@netscape.net
Thank you and God bless as I await your urgent response.
Yours Sincerely,
Mr. Frank Mutobo

 


Deutsch:
Deshalb sandte ich diese Nachricht an Sie, damit sie mir Ihre Bankverbindug mitteilen, um mir zu ermöglichen, auf Ihr Privat- oder Geschäftskonto das Guthaben von USD 30.500.000,00 (DREISSIG MILLIONEN…) auf das von Ihnen zur Verfügung gestellte Konto zu übeweisen. Bei Fälligkeit wird wird das Guthaben wie folgt aufgeteilt: 20% erhalten Sie als Vergütung. [..] Bitte beantworten Sie diese Nachricht nicht, es handelt sich um einen Betrugsversuch. Für weitere Details darüber, wie diese Transaktion funktioniert, kontaktieren Sie mich bitte so schnell wie möglich zur weiteren Klärung unter folgender Adresse:
Frankmutobo@netscape.net
Vielen Danl und Gott segne Sie, während ich auf Ihre baldige Antwort warte.

Mit freundlichen Grüßen

Frank Mutobo

Klingt das nicht prima? 20 Prozent von gut 30 Millionen – das sind ja… 6.1 Millionen (Nigerianisch: “SIX MILLION AND ONE HUNDRET THOUSAND”) Dollar! Und man muss dafür nicht mal arbeiten! Ein wirklich verlockendes Angebot. Wäre da nicht die Tatsache, das dies eine – im Gegensatz zu dem Vermögen des Absenders – real existierende Betrugsmasche, ist, die bereits viele real-existierende Opfer in den Ruin getrieben hat. Und die so funktioniert:

Die Masche

Bild
Täglich frohe Botschaften aus Nigeria: Wohin nur mit dem ganzen Zaster?

Schritt 1: Massenemail versenden

Schritt eins unseres Nigerian Scam (auch: “4-1-9 Scam”, benannt nach dem nigerianischen Betrugsparagraphen) besteht darin, die Angel nach möglichen Opfern auszuwerfen. Das geschieht, in dem eine E-Mail wie die obige an tausende Empfänger versendet wird. Die Methoden, an gültige Adressen zu gelangen, variieren dabei. Entweder werden automatisch zufällige Buchstabenkombinationen ausgewählt und ausprobiert, Programme, so genannte “Harvester” eingesetzt, die das Internet nach E-Mail Adresse abgrasen oder es werden Adressen ganz einfach gekauft oder gestohlen. Und bei jedem Mailing gibt es einige Unbedarfte, die tatsächlich antworten. Sodann folgt

Schritt 2: Die Kontaktaufnahme

Das Opfer nimmt nun Kontakt zu dem Absender der Scam-Email auf, um seine Bereitschaft zu bekunden, sein Bankkonto für die “Transaktion” zur Verfügung zu stellen. Nun muss Herr Mutobo nur noch den Sack zumachen, damit das Opfer den Köder endgültig schluckt. Das tut er, in dem er weitere (fiktive) Details der Transaktion mitteilt, schon mal nach der Bankverbindung für die Überweisung des des Geldes fragt und danach möglicherweise eine schriftliche Übereinkunft faxt, um den Anschein von Seriösität zu erzeugen – “Man will bei so einer Summe auf Nummer sicher gehen, das verstehen Sie ja als Geschäftsmann”. und natürlich vergisst her Mutobo nicht, wortreich zu versichern, wie dankbar er dem Opfer – pardon: seinem Geschäftspartner sei. Alles laufe wie geschmiert, schon in den nächsten Tagen könne man mit der Überweisung von so-und-soviel Millionen rechnen, und mit der Vergütung sowieso.

Das leichtgläubigte Opfer denkt spätestens jetzt darüber nach, was es mit dem unverhofften Reichtum anstellen wird und vergisst dabei vollkommen, dass es das Geld noch gar nicht gesehen hat.

Schritt 3: Plötzliche Schwierigkeiten

Bis jetzt lief alles wie am Schnürchen, und das Opfer rechnete jeden Tag mit dem Eingang der Millionen auf dem Konto. Aber nein! kurz vor dem Ziel tauchen Schwierigkeiten auf – Mr. Mutobo meldet sich etwas zerknirscht: Dummerweise muss er für den reibungslosen Ablauf einige Beamte bestechen, und leider kommt er aus verschiedenen Gründen im Moment gerade nicht an seine Millionen. Unwetter, Stromausfälle – Sie verstehen. Monrovia ist eben nicht Köln, da kann so was schon mal vorkommen. Deswegen bittet er das Opfer, ihm auf die Schnelle ein paar tausend Dollar vorzuschießen, die selbstverständlich zurückgezahlt werden, so bald das Geschäft abgelaufen ist. “Kein Problem – Was sind schon ein paar tausend Dollar gegen die Millionen, die zu erwarten sind, wenn alles klappt ?”, sagt sich das Opfer. und zahlt.

Und an diesem Punkt nimmt das Verhängnis endgültig seinen Lauf.

Selbstverständlich bleibt es nicht bei diesem einen kleinen Problem, das der Überweisung der Summe noch im Wege steht. Immer neue Schwierigkeiten treten auf, es müssen immer neue Bestechungen, Flugkosten, Zoll-Gebühren und ähnliches bezahlt werden. Und Wie ein Spielsüchtiger, der immer mehr Geld in den Spielautomaten wirft, weil er verzweifelt hofft, dass er dieses mal den Jackpot knackt und seine Invenstitionen sich lohnen, zahlt das Opfer. Und zahlt. Und zahlt.

Es besteht ja auch aus seiner Sicht keine andere Wahl: Der Erfolgsdruck wird mit jeder Zahlung größer. Nicht mehr zu zahlen hieße nicht nur, sich einzugestehen, dass man auf einen Betrug hereingefallen ist. Zehn, zwanzig oder dreißigtausend Dollar an “Vorschüssen” wären zum Fenster herausgeworfen, ohne eine Chance sie je wiederzubekommen. Und natürlich versichert Herr Mutobo jedes mal, dass dies bestimmt der letzte Vorschuss sei, der erbracht werden müsse.
Dies ist der eigentliche Trick des Nigerian Scam: Das Opfer gerät in eine Zahlungssspirale, aus der es nur zu entkommen meint, indem es noch mehr zahlt, denn dann, so der Strohhalm, an den es sich klammert, dann werden ja endlich die Millionen fließen.

Dumm nur: Die Millionen gibt es nicht.

Wer diesen Mechanismus nicht irgendwann durchschaut, für den wird es nicht nur finanziell eng, sondern er begibt sich tatsächlich in Lebensgefahr. Denn früher oder später wird Mr. Mutobo mit der freudigen Nachricht aufwarten, dass das Geld nun da sei, leider könne man es aus mehr oder weniger plausiblen Gründen nicht überweisen, sondern es müsse bar in Nigeria abgeholt werden – natürlich nicht ohne dass das Opfer bei dieser Gelegenheit eine weitere Summe in bar vorstrecken muss. Wofür auch immer.

Und die Verzweifelten, die bereits ihr gesamtes Vermögen an die Betrüger gezahlt haben, sehen keinen anderen Ausweg, als selbst das zu tun. Sie leihen sich das geforderte Geld und fliegen nach Nigeria, wo sie schließlich von Ihren Peinigern auch noch unter Androhung oder Anwendung von schlichter Gewalt ausgeraubt oder sogar als Geisel genommen werden. Es ist mindestens ein Fall bekannt, in dem das Opfer eines Nigerian Scam bei dieser Gelegenheit ermordet wurde, wenngleich dies nicht den Regelfall darstellt.

Und so endet dann der Traum vom schnellen Geld vom Onkel aus Nigeria.

Die Geschichte des Nigerian Scam

Das eigentlich interessante an der nigerianischen Masche besteht nicht unbedingt in der Art und weise, wie die Opfer immer tiefer in den Strudel aus immer weiteren Zahlungen und schließlich in den Ruin getrieben werden – so etwas gibt es auch bei anderen betrügerischen “Geschäftsmodellen” wie etwa Schneeballsystemen, Pyramidenspielen oder so genannten “Schenkkreisen”. Auch im Zeitschriftenvertrieb, also innerhalb so genannter “Drückerkolonnen” werden ähnliche Mechanismen verwendet, um Abhängigkeiten zu erzeugen und den Betroffenen den Ausstieg zu erschweren.

Das interessante am Nigerian Scam ist seine beispiellose Erfolgsgeschichte: Die Masche existiert in dieser Art bereits seit gut 20 Jahren und macht nach Schätzungen gut ein fünftel der nigerianischen Wirtschaft aus (!); Ähnliche Arten Betruges tauchten bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts auf. Damals richteten sich die Botschaften – die per Post in die Welt hinaus getragen wurden – vor allem an gutbetuchte Geschäftsleute aus Westeuropa. Mit dem Mediam “E-Mail” haben sich für die Betrüger vollkommen neue Möglichkeiten ergeben – Sehr große Zahlen potenzieller Opfer lassen sich mit extrem geringen Aufwand erreichen. Und getreu dem Motto “Kleinvieh macht auch Mist” kommen auch beim Ausnehmen von Kleinverdienern ordentliche Summen zusammen.

Wenn Sie so eine E-Mail (auch Fax, Brief pp.) erhalten – und das werden Sie früher oder später – Antworten Sie nicht darauf. Gehen Sie auf keinen Fall auf derartige Angebote ein, und wenn sie das schon getan haben: Brechen Sie den Kontakt sofort ab. Auch wenn Sie bereits Geld verloren haben, gilt: Umso früher Sie erkennen, auf einen Betrug hereingefallen zu sein, desto geringer bleibt der finanzielle Schaden. Klammern Sie sich nicht an die Hoffnung, dass es die Millionensummen doch irgendwo gibt. Es gibt sie nicht – Und sie gefährden mehr als nur Ihr Vermögen, wenn sie das nicht wahrhaben wollen.

Weitere Links zum 419-Scam (extern):

Hoax-Info (via TU Berlin)

Dirk van den Boom

Auswärtiges Amt