Päpstliche Legenden und Verschwörungen

Unter großer Weltweiter Anteilnahme verstarb am 2. April 2005 das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, Papst Johannes Paul der Zweite. Der “Medienpapst” Karol Wojtila verursachte auch im Sterben ein nie dagewesenes Medieninteresse: Zweieinhalb Tage lang übertrugen dutzende Fenrsehstationen jede Regung innerhalb der “päpstlichen Gemächer”, Vier Millionen Menschen nahmen an den Trauerfeierlichkeiten Teil. Anlass für hoaxbusters.de, einige der bekanntesten päpstlichen Mythen zu beleuchten.

Auf den heiligen Stuhl gemogelt: Päpstin Johanna

Johannes Paul II. hat es nicht geändert, und sein Nachfolger wird es wohl auch nicht tun: Karriere in der katholischen Kirche ist vor allem Männern vorbehalten. Selbstverständlich dürfen daher auch nur Männer zu Kardinälen ernannt und damit später zum Papst gewählt werden. Die Legende besagt allerdings, dass es trotzdem mindestens eine Frau auf den heiligen Stuhl geschafft, habe. Päpstin Johanna nämlich:

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Johanna wird im Jahre 818 nach Christus in Inglheim am Rhein als Tochter eines englischen Missionars und einer sächsischen Magd in geboren. Nach dem Tod Ihrer Eltern lebt sie in einem Frauenkloster, wo ihre große Begabung und Gelehrsamkeit entdeckt werdem. Später versucht sie, als Mönch verkleidet, in ein Kloster in Fulda aufgenommen zu werden, wird aber entdeckt und flieht. Es verschlägt sie nun nach Athen, wo sie ihre Studien beendet. Einige Zeit später kommt sie nach Rom, wo sie Dank Ihrer Bildung und Begabung als Mann verkleidet schnell in höhere Kreise aufsteigt. Im Jahre 855 stirbt Papst Leo IV. Johanna wird zum Papst gewählt und trägt als Pontifex den Namen Johannes Anglicus – Johannes der Engländer.

Später wird sie allerdings von einem päpstlichen Sekretär geschwängert und bringt während einer Prozession (!) das Kind zur Welt. Der wütende Mob lyncht Johanna.

Wahre Begebenheit oder Mythos?

Zum ersten mal tauchte dieser Mythos im 13. Jahrhundert auf; verschiedene Autoren haben das Thema in der später wieder aufgegriffen. Sowohl Kirche als auch Öffentlichkeit gingen zunächst von einem Tatsachenbericht aus, begünstigt durch die Tatsache, dass es in der Zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends durch das Ende des römischen Reiches, Völkerwanderungen pp. zu einem allgemeinen Niedergang der Zivilistation gekommen war, und wenig oder keine offiziellen Aufzeichungen aus dieser Zeit exisitierten – so bleibt reichlich Raum für Spekulation. Ähnlich wie etwa die “Arthus-Sage” oder “Robin Hood” wurden Informationen über Johanna Jahrhundertelang mündlich weitergetragen, schriftliche Hinweise existieren kaum. Zwar wird Johanna in der umstrittenen Handschrift Liber Pontificalis, die sämtliche Päpste von Petrus bis Stephan V. – im Jahre 891 – auflistet, erwähnt. Allerdings ist diese als legendenhaft bekannt und taugt daher kaum als Wahrheitsbeweis.

Historiker gehen deswegen auch davon aus, dass es sich bei der Legende von der Päpstin nicht um eine wahre Geschichte handelt, sondern vielmehr um eine Satire auf den zu seiner Zeit von vielen als “zu weich” empfundenen Papst Johannes den VIII. Inhaltlich mutet auch die Zuspitzung des Plots auf die Lynchung Johannas nach der Niederkunft während einer Prozession eher abenteuerlich an. Im 17. Jahrhundert war die Legende von der Johanna während des 30-Jährigen Krieges ein willkommenes Propagandainstrument der Protestantischen Seite, was ebenfalls zur Verbreitung und Verfestigung des Mythos beigetragen haben mag.

Es spricht also einiges gegen eine wahre Begebenheit, im Ergebnis hängt es aber wohl vom Glauben ab, ob man die Geschichte von Johanna für bare Münze nimmt.

Johannes Paul I.: Der heilige Stuhl als heißer Stuhl

BildViele Fragen ranken sich auch um das Pontifikat von Papst Johannes Paul I., dem Vorgänger von Johannes Paul II. Mit 33 Tagen ist er der Papst mit der kürzesten Amtszeit gewesen, die sich so zusammenfassen lässt:

 

Der 65-jährige Albino Luciani wurde am 26. August 1978 überraschend zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. In der Nacht vom 28. auf den 29. September 1978, 33 Tage nach seiner Wahl zum Nachfolger von Papst Paul VI., stirbt Johannes Paul I. völlig überraschend. Nach offiziellen Angaben erlag er einem Herzinfarkt. Bis heute kursieren Gerüchte, dass die Todesursache keine natürliche gewesen sei: Man habe ihn vergiftet.

Vielmehr sei es der Vatikan selbst gewesen, der den ihm unliebsamen Papst beseitigen wollte. Dieser soll – so will es die Legende – dem Vatikan selbst gefährlich geworden sein, da er die Kirche grundlegend reformieren gewollt habe. Er habe sogar geplant geplant, die gesamte Riege der Kardinäle auszutauschen. Zu allem Überfluss war Johannes Paul I. durch seine sympathische Art bei den Gläubigen als der “lächelne Papst” überaus beliebt und damit extrem gefährlich gewesen, so dass der Vatikan sich entschlossen habe, den Papst vorzeitig unter die Erde zu bringen.

Die Verdachtsmomente für einen unnatürlichen Tod lassen sich wie folgt zusammenfassen: Nach Aussagen der Ordensschwester Vincenza Taffarel, die den Papst am morgen des 29. September tot in seinem Gemach vorgefunden hat, habe der tote Papst mit starren Augen in seinem Bett gesessen. Er habe seine Brille noch getragen und in den Händen Papiere gehalten. Brille und Papiere sind aber später spurlos verschwunden. Auch, so wird behauptet, hätten sich Widersprüche bei der Bestimmung des Todeszeitpunkts ergeben: Radio Vatikan habe gemeldet, der Papst sein gegen 23 Uhr verstorben, die Bestatter, die den toten Pontifex am nächsten Morgen einbalsamieren sollten, hätten dagegen ausgesagt, der Leichnam sei zu diesem Zeitpunkt “noch warm” gewesen. Auch sei, so die Vertreter der Mord-These, eine Obduktion der Leiche des Papstes verweigert worden, um Spuren zu verwischen. Einem im Jahr 1984 erschienenen Buch des Briten David Yallop zur Folge sei Johannes Paul I. Verstrickungen zwischen dem Vatikan, der faschistischen Loge P2, Geheimdiensten, der Vatikanischen Bank und der Mafia auf der Spur gewesen – Ein Grund, ihn aus dem Weg zu räumen.

Im Gegensatz zu urbanen Legenden lassen sich “echte” wie die um den Tod Papst Johannes Pauls I. nicht ohne weiteres entlarven. Ihn selbst können wir nicht mehr fragen und die wahre Todesursache nicht ergünden. Auffällig ist allerdings das angebliche Zusammenspiel der “üblichen Verdächtigen”: Freimaurerlogen, Das Großkapital, Geheimdienste – Diese Gruppen werden von geneigten Zeitgenossen so ziemlich für jedes Ereignis der neueren Geschichte verantwortlich gemacht. Wer also glauben will, der glaubt. Skeptiker haben Ihre Zweifel und billigen auch einem Papst einen banalen Herztod zu.

Ali Agca: Irrer Einzeltäter oder bezahlter Killer?

Auch um das Attentat auf den jüngst verstorbenen Johannes Paul II. ranken sich seit fast 25 Jahren Gerüchte und Legenden:

Rom am Mittwoch, den 13. Mai 1981: Papst Johannes Paul II., seit knapp vier Jahren im Amt, hält wie üblich die Generalaudienz ab. Gegen 17 Uhr 15 fährt er im offenen Wagen langsam über den Petersplatz. Plötzlich fallen mehrere Schüsse, der Heilige Vater sackt, von mehreren Kugeln lebensgefährlich getroffen, in seinem Wagen zusammen.

BildSofort wird der schwer verletzte Papst in die Gemelli-Klinik in Rom gebracht, wo er notoperiert wird und schließlich überlebt (An den Folgen wird er allerdings bis zu seinem Tod leiden).

Direkt nach dem Attentat wird auf dem Petersplatz der Schütze festgenommen: Der 23 Jährige Türke Mehmet Ali Agca hatte mit einer Pistole vom Typ “Beretta” mehrmals auf den Papst geschossen. Aber war er ein Einzeltäter? Oder steckte hinter dem Attentat der erneute Versuch mächtiger Gegner, einen Papst zu beseitigen?

Agca gehört der rechtsradikalen Bewegung der “grauen Wölfe” an, behauptet aber, Einzeltäter zu sein. Schnell kommen jedoch seine Verbindungen zu östlichen Geheimdiensten, insbesondere zum bulgarischen, ans Licht. Der Ostblock scheint auch ein Interesse daran zu haben, diesen für Ihn unliebsamen Papst aus dem Weg zu räumen. Karol Wojtila, der als Papst den Namen “Johannes Paul II.” trägt, ist selbst Pole und hat bei Besuchen in seiner kommunistisch regierten Heimat offen die Freiheitsbewegung um die damals verbotene Gewerkschaft “Solidarnosc” unterstützt. In Polen ist er längst zu einer Symbolfigur für den Widerstand gegen die kommunistische Unterdrückung geworden.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs tauchten zudem Unterlagen auf, die die Attentats-Version zu stützen scheinen: Die Staatssicherheitsbehörden der DDR bedankten sich beim Bulgarischen Geheimdienst für das gute Gelingen der “Operation Papst” – War damit das Attentat gemeint? “Gelungen” war die Operation dann ja eigentlich nicht, denn das “Ziel” hatte überlebt.

Die Verdächtigten bestreiten bis heute jede Verwicklung in das Attentat auf den Papst – Bulgarien weist jede Verstrickung, erst recht einen Mordauftrag vom damaligen KGB, zurück. Agca selbst ist auch nicht in der Lage, Licht ins Dunkel zu bringen. 24 Jahre nach den Schüssen von Rom behauptet er, dass er “Ohne Hilfe aus dem Vatikan nicht in der Lage” gewesen wäre, das Attentat durchzuführen: Ohne Unterstützung von einigen Priestern und Kardinälen hätte er das Verbrechen nicht begehen können. Das jedoch erscheint eher unwahrscheinlich. Denn Johannes Paul II. war im Gegensatz zum – angeblich ja ebenfalls einem Mordkomplott zum Opfer gefallenen – Vorgänger Johannes Paul I. nicht geneigt, die Kirche zu reformieren. Er war bei aller Beliebtheit vor allem erzkonservativ und antikommunistisch eingestellt.

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. selbst hat sein Wissen über die Hintergründe des Attentats mit ins Grab genommen. So hat er in seinem Buch “Erinnerungen und Identität” durchblicken lassen, dass er nicht an die Tat eines Einzelnen glaubt. Wer nach seiner Vermutung hinter dem Mordversuch von 1981 steckt, hat er aber nicht mehr kundgetan.