Klassische Urbane Legenden im IT-Zeitalter

Der klassische Inernet-Hoax ist mehr als eine bloße Falschmeldung: Er stellt in der Regel eine Falschinformation, oft in Form einer Warnung mit inhaltlichem Bezug zu eben dem Medium dar, über das er sich verbreitet – dem Internet. Klassische Beispiele sind Warnungen vor Viren oder anderen Gefahren aus dem Netz, Gewinnspiele, bei dem durch den Versand von E-Mails Geld gewonnen werden soll oder Hilfsaufrufe, die dazu auffordern kranken oder sonst in Not befindlichen Menschen durch das Versenden einer E-Mail zu helfen.

Daneben allerdings haben auch solche Legenden, die lange existierten, bevor die erste elektronische Nachricht den Datenhighway passierte, das Internet zu Ihrem Medium gemacht.
Vor einigen Tagen leitete ein aufmerksamer Hoaxbusters.de-Leser folgende Nachricht an uns weiter, die wir zum Anlass nehmen, uns noch einmal mit der “klassischen” urbanen Legende zu befassen:


Eine Frau arbeitete in einem Postbüro in Kalifornien. Eines Tages leckte sie die Umschläge und die Briefmarke ab, anstatt das Schwämmchen zu benutzen. An diesem Tag schnitt sie sich die Zunge, den Umschlag leckend.

Eine Woche später bemerkte sie eine seltsame Schwellung an ihrer Zunge. Sie ging zum Arzt, aber der fand nichts außergewöhnliches. Ihre Zunge schmerzte nicht und auch sonst gab es keine Auffälligkeit. Einige Tage später... ihre Zunge begann weiter anzuschwellen und zu schmerzen, bis zu dem Punkt, daß sie nicht mehr essen konnte. Sie ging wieder ins Krankenhaus. Der Arzt machte ein Röntgenbild der Zunge und stellte eine Schwellung fest. Er bereitete eine kleine Operation vor und öffnete ihr die Zunge. Eine lebendige Kakerlake kam krabbelnd zum Vorschein. Es waren Kakerlakeneier auf der Gummierung des Umschlags, mit dem man diesen schließt. Das Ei konnte sich gebührend in die Zunge einnisten, aufgrund der Spucke und dem feuchtwarmen Klima. Dies ist eine wahre Geschichte, über die die CNN berichtete. Andy Hume schrieb folgendes: "Ich arbeitete in einer Briefumschläge-Fabrik. Ist schwer zu glauben, was an diesen Gummierungs-Applikatoren rumläuft. Schon seit Jahren lecke ich keine Umschläge mehr ab. Vor 32 Jahre, als ich in einem Schreibbüro arbeitete, haben sie uns angewiesen NIEMALS die Umschläge abzulecken. Ich habe nie verstanden warum, bis ich eines Tages 2500 vorgedruckte Umschläge für eine Werbeaktion aus der Druckerei abholen mußte. Mehrere Quadrillen von Kakerlaken liefen in den Schachteln mit den Umschlägen umher, und es waren überall Kakerlaken-Eier. Die Kakerlaken fressen die Gummierung der Umschläge. Ich denke,daß die Umschläge-Produzenten mehr Probleme haben, die Kakerlaken unter Kontrolle zu bekommen als die Restaurants. Ich kaufe immer die Art von Briefumschlägen, die sich selbst verschließen, oder wenn nötig, benutze ich einen Klebestift.

Schicken Sie diese Nachricht bitte weiter.

Wir nehmen das Ergebnis unserer Untersuchung vorweg, und bitte Sie schon jetzt: Tun Sie nicht das, wozu der letzte Satz der Nachricht Sie auffordert. schicken Sie die E-Mail bitte n i c h t weiter.

Manche mögen jetzt darüber schmunzeln, dass eine solche Geschichte tatsächlich als “bare Münze” genommen und als Warnung weiterversendet wird. Aber es scheint an der Textform einer E-Mail zu liegen, dass wir stets bereit sind, ihrem Inhalt mehr Vertrauen entgegenzubringen, als wir es einer Information entgegenbringen würden, die uns des Nachts durch einen anonymen Telefonanruf erreicht – obowohl diese Quelle ähnlich verlässlich wäre. Deswegen wollen wir an diesem Beispiel noch einmal exemplarisch vormachen, wie man dieser Art des Unsinns auf den Grund geht.

Wir lesen die Nachricht zunächst noch einmal – und sofort fällt uns die seltsame Abstraktheit des Inhalts auf: “Eine Frau” arbeitete “in Californien” – die offenbar weder einen Namen hatte, noch einen Wohnort – und auch der Zeitpunkt, zu dem sich die nun folgende unappetitliche Geschichte zugetragen haben soll, ist vollkommen unbekannt. Es fehlen also jegliche Anhaltspunkte, um die Vorkommnisse zu verifizieren. Kurz: Die Legende klingt nach “Es war einmal”- und das kommt nicht von ungefähr. Die Erwähnung, CNN habe angeglich ebenfalls über diese Geschichte berichtet, vermag deren Glaubwürdigkeit nicht zu erhöhen. Im Gegenteil: Derartige Behauptungen sind regelmäßiges Muster in Hoaxes und urbanen Legenden.

Seien Sie skeptisch. Fragen Sie nach der Plausibilität der Geschichte, die ja erfahrungsgemäß einiges über ihren Wahrheitsgehalt aussagt. Wie lange werden bereits Briefumschläge mit zu befeuchtender Gummierung vertrieben? Ist es sehr wahrscheinlich, dass erst nach Dutzenden, möglicherweise Hunderten von Jahren das Kakerlaken-Problem aufgetaucht ist? Wenn die Gefahr schon immer bestanden hat, warum haben Sie dann über das Problem niemals etwas in den Medien gelesen oder gehört? Warum hat sie Ihre Mutter nicht gewarnt, oder das Gesundheitsamt?

Achten Sie auf logische Brüche in der Geschichte. Warum fand der Arzt bei der ersten Untersuchung “nichts Ungewöhnliches”, obwohl die Zunge seltsam geschwollen war? Warum benötigte der Arzt ein (teures und invasives) Röntgenbild, obwohl doch offensichtlich gewesen sein musste, was der Frau fehlte (Denn die Zunge war bereits derart geschwollen, dass die Dame “nicht mehr essen” konnte).

Schließlich könnte es sich auch zu fragen lohnen, warum wir nicht dauernd von Menschen hören, in deren Mündern sich “wegen des warmen und feuchten Klimas” Kakerlaken oder andere Insekten eingenistet haben. die Antwort ist ganz einfach: Weil sich die Mundhöle eines lebendigen Menschen nicht als Brutstätte für Fliegen, Spinnen, Kakerlaken oder ähnliches Getier eignet. Es ist im übrigen zwar sehr wahrscheinlich, das viele von uns schon einmal Eier von Insekten zu sich genommen haben: etwa in verdorbenen Obst, Mehl oder anderen Lebensmitteln. Die gute Nachricht dabei lautet jedoch, dass diese den Weg alles Verdaulichen gehen – und nicht etwa unter der Zunge ausgebrütet werden. Übrigens: Kakerlakeneier werden von den putzigen kleinen Tierchen nicht einzeln abgelegt, sondern in einer größeren Agglomeration. Einzeln sind die Eier nicht überlebensfähig, so dass es schon deshalb unwahrscheinlich ist, dass sich ein einzelnes Kakerlakenei jemals auf einen Briefumschlag, geschweigedenn auf bzw. sogar in eine Zunge verirrt.

Nutzen Sie das Internet.
Das Internet hat wesentlich mehr zu bieten als blödsinnige Mails und Gruselgeschichten. Nutzen Sie die Möglichkeiten, die Ihnen das Web bietet, derartíge Geschichten zu überprüfen, etwa auf den Seiten von urbanlegends.about oder Snopes – oder etwa dieser hier. Eine solche Recherche bringt übrigens an den Tag, dass die Sache mit den Kakerlakeneiern auf den Briefumschlägen schon seit etwa 1999 in dieser Form umhergeistert. Andere Varianten – die sich beispielsweise um Kakerlakeneier in Tacos drehen, exisitieren schon wesentlich länger.